Von Beginn an

Im ehemaligen Landkreis Hammelburg, abseits der Bundesstraße 27, liegt das kleine Dorf Hetzlos, dessen wechselreiche Geschichte schon im frühen Mittelalter auf dem sich westlich des Ortes befindlichen Büchelberg beginnt.

Erstmals erwähnt wird der Büchelberg bereits am 7. Januar 777, als König Karl der Große seinen nächst der frankischen Saale gelegenen Besitz dem Kloster Fulda schenkte. Damals wurde in der Schenkungsurkunde jener weithin sichtbare Basaltkegel „Ennesirst“ genannt und der Berg gehörte dem in Erthal wohnenden Adeligen „Ansuin“. Ob schon zur damaligen Zeit der Büchelberg eine Burganlage beherbergte, ist ungewiß. Wenige hundert Jahre später aber bewohnten die „vires nobiles de buchenberg“ den Basaltkegel und „regierten“ von dort aus ihr kleines Territorium.

Als erster Vertreter der „Edlen von Buchenberg“ wird im Jahre 1230 Berthold urkundlich erwähnt, der als Zeuge eines Kaufvertrages zwischen Graf Otto II. von der Bodenlaube und dem Bischof Hermann von Würzburg fungierte. Ein Heinrich von Buchenberg besaß im Jahre 1303 und 1314 Lehensstücke bei Arnshausen, am Schloßberg der Bodenlaube und Weinberge in Feuerthal. Er starb 1345 und ist wohl die gleiche Person, die in einer Urkunde des Klosters Thulba vom Jahre 1329 als auf dem „Buochineberg“ wohnend erwähnt wird. Auch war zu jener Zeit eine Anna von Buchenberg Äbtissin im Kloster Thulba.

Wenige Jahre später scheint jedoch das Geschlecht „von Buchenberg“ ausgestorben zu sein und die Hetzloser Gegend wurde mit dem Schloß Büchelberg vom Kloster Fulda den „Herren von Erthal“ zum Lehen gegeben. Zu der kleinen, aber gut befestigten Burg gehörte auch ein größerer Gutshof. Sowohl von der Befestigungsanlage als auch vom Hofgut ist heute nichts mehr zu sehen. Ebenso untergegangen ist im Mittelalter ein Dörflein namens „Igelweid“, das sich schon viele Jahrhunderte vor der Gründung des Ortes Hetzlos auf dessen Markung befand. Als Karl der Große die Hammelburger Gegend dem Kloster Fulda schenkte, bestand das gesamte Landstück aus einem großen Waldgebiet. Nur selten waren Dörfer in dem weiten Forst anzutreffen. Um das Waldgebiet zwischen Hammelburg und Bad Brückenau wirtschaftlich so gut als möglich auszunutzen, gründete man dort neue Dörfer. Eine dieser bewußt angelegten Siedlungen war wohl auch „Igelweid“, welches 1311 das erste Mal urkundlich erwähnt wird und vermutlich aus sächischen Bewohnern bestand. Dem Namen der heute nicht mehr existenten Ortschaft folgernd, lag der Haupterwerb der Bewohner „Igelweids“ in der Züchtung der für die damalige Medizin wichtigen Blutegel. Etwa zur Zeit, als die „Herren von Erthal“ die neuen Lehensherren jener Gegend wurden, fiel „Igelweid“ wüst und als Siedlungsnachfolger wurde im 15. Jahrhundert unweit des wüsten Ortes Hetzlos erbaut. An das einst existente Dörflein erinnert heute nur noch der Flurname „Igelsgrund“.

Anno 1447 wird Hetzlos erstmals urkundlich erwähnt. Damals gaben die Brüder Anton und Heinrich von Erthal einem Hans Keller zu Lohr das Wäldchen „Igels“ bei Hetzlos als Afterlehen. In Hetzlos betrieb man zu jener Zeit wegen der kargen Böden nur wenig Ackerbau. Allein die Viehzucht und der Weinbau um den Büchelberg stellten die Lebensgrundlage der Bewohner der kleinen Ortschaft dar. Dennoch bekam das Dörflein öfters hohen adeligen Besuch, denn wegen des großen Wildbestandes in den dichten Wäldern um den Ort begann in Hetzlos manche fürstliche Jagdveranstaltung. Noch heute zeugt der Name Hetzlos davon, denn in dem Dörflein ließen die Jäger ihre Hunde zur Hetz los. In den ersten Urkunden des Ortes wurde Hetzlos „Hölzel“, „Hezzles“ und „Hetzels“ genannt.

1473 übergab Dietz von Erthal dem Hammelburger Schultheißen das Dörlein als Lehen und erst 1558 konnte es Hans Jörg von Erthal wieder zurückkaufen. Auch erwarb 1571 der Edelmann das bereits erwähnte Burggut.

Zur damaligen Zeit bildeten die Gebiete von Hetzlos und Obererthal mit den Untererthaler Gründen eine gemeinsame Markung. Da alle drei Dörfer vorwiegend Viehzucht betrieben, kam es oft zu Zank und Streit wegen der Weiderechte in den einzelnen Fluren. Deshalb kam im Jahre 1566 zwischen den drei Siedlungen wegen der Hütegerechtigkeit erstmals ein Vertrag zustande, worin festgelegt wurde, daß die Hetzloser in der „Schwann“ oben herab bis auf die fuldische Landstraße und nicht weiter hüten und treiben durften. Wenige Jahre später verlief die erste Markungsgrenze vom „Edelmannsholz“, dem Hetzloser Fahrweg, entlang bis zum Dorf. Zwei Steine kennzeichneten den Verlauf dieser dörflichen Flurgrenze. Der eine stand damals an Hans Glücks Scheune, der andere war oberhalb der Wiese des Schultheißen Friedrich Schreßler zu finden.

Unter ihrem Lehensmann Joh. Dietrich v. Erthal beklagten die Hetzloser am 19. März 1584 dem Amtmann Wilhelm Katzmann und dem Fürstabt von Fulda einen zu harten Fronzwang.

Eine Weigerung, zum Junker Dietrich Holz nach Erthal in Fron zu fahren, brachte zu jener Zeit drei Bürger der kleinen Gemeinde ins Gefängnis. Der Abt des Klosters Fulda sah jedoch in der Frondienstverweigerung der Hetzloser kein Vergehen, rügte den Junker Dietrich und verwies auf eine Abmachung aus dem Jahre 1552, worin Burkhard von Erthal und Abt Wolfgang sich einigten, daß die Erbhuldigung für Hetzlos und damit auch der Gehorsam der Bewohner jenes Weilers beim Stift Fulda lag. Die „von Erthal“ durften keine „territoriale Jurisdikation“ betreiben. Außerdem gehörte Hetzlos zum Zentgericht nach Hammelburg. Allerdings besaßen die „Herren gehörte dem Stift Fulda. Dies führte in den folgenden hundert Jahren zu bitteren Auseinandersetzungen, aber es gelang der Erthaler Adelsfamilie nicht, sich auch der anderen Hälfte des Dorfes zu bemächtigen.

Anno 1623 kam es zu einem größeren Streitfall zwischen den Gemeinden Hetzlos und Frankenbrunn. Da die Hetzloser in jenen Jahren außergewöhnlich viel Vieh hatten, so hüteten sie seiteiniger Zeit auch jenseits ihrer Flurgrenzen in der Frankenbrunner Markung, natürlich mit der Billigung jenes Dorfes. Mit der Zeit blieben aber die Streitigkeiten und Reibereien nicht aus, die Hetzloser Hirten waren unwillkommene Gäste in den Frankenbrunner Fluren. Deshalb wandten sich die Frankenbrunner an den Fürstabt von Fulda, der den Hetzlosern die weitere Betreibung ihrer Gemarkung verbieten sollte.

Am 9. September 1623 wurde dann vom Hetzloser Schultheißen Anton Kraft und von den zwölf Geschworenen des Diebacher Gerichtes u.a. der Hetzloser Ochsenknecht Wolf Brust wegen des Streitfalles verhört. Dieser bestätigte, daß die Hetzloser seit altersher ihre Weideplätze auf dem „Haigen“, bei Kribs Adams Acker, hinter der „Haltstadt“, im „Schlag“, am „Geißberg“, im „Ramersholz“ und auf der „Steinwiese“ fast bis zum Dorfe Frankenbrunn gehabt hätten.

Auch stützten die Hetzloser ihr Weiderecht auf den Erbzins und Zehnten, den sie von den Äckern in der Frankenbrunner Gemarkung an die dortige Gemeinde zahlen mußten. Pro Feld betrug der Erbzins meist 1-2 Napf Korn, bei guten Äckern war er selten höher wie drei Metzen. Am 8. Mai 1624 wurde schließlich vom Fuldaer Gericht unter Vorsitz des Fürstabtes die Entscheidung getroffen, daß die Hetzloser weiterhin die Frankenbrunner Markung mit Ausnahme des „Geißberges“ betreiben durften. Die Gemeinde Frankenbrunn mußte folglich in den sauren Apfel beißen und die Nachbarn weiterhin auf eigenem Grund dulden.

Als ein Schreckensjahr erwies sich für Hetzlos das Jahr 1631. Zum einen ging am 2. August 1631 am Nachmittag ein schweres Gewitter über die Gemeinde nieder, welches die gesamte Ernte zerstörte, die Fluren überschwemmte und viermal in Hetzlos einschlug, so daß drei Scheunen und ein Wohnhaus niederbrannten und des Hans Jemherrn Vieh vom Blitz erschlagen wurde. Zum anderen brachte der Dreißigjährige Krieg großes Unheil nach Hetzlos ; der Ort wurde mehrfach von schwedischen Truppen geplündert und gebrandschatzt. Die Pest tat ihr übriges und raffte zahlreiche Bürger hinweg. Während des Dreißigjährigen Krieges hatte das Fuldaer Land wöchentlich eine Steuer von 4 ooo Gulden an die hessische Regierung zu erlegen. Diese Abgaben scheinen die Bauern schwer bedrückt zu haben, denn am 4. Nov. 1633 berichtete Hans Jörg von Erthal der hessischen Regierung, daß ihn seine Hetzloser Untertanen „erbärmlich und mit Seufzen“ angegangen hätten, für sie um Steuemachlaß zu bitten, nachdem sie bei diesem ständigen Kriegswesen „höchste und überbeschwerliche Schäden“ erlitten hätten, wodurch sie aufs äußerste erschöpft seien.

1638, nach weiteren Überfällen und Plünderungen durch feindliche Truppen, wurde Hetzlos von den letzten dort wohnenden Bürgern verlassen und der Ort iel wüst. Dem Dorfe drohte jetzt, ähnlich wie einst dem Weiler „Igelweid“, der Untergang, zumal 1645 ein Erbe der „Herren von Erthal“ die leerstehenden Häuser und Scheunen von Hetzlos auf Abbruch an Bauern anderer Dörfer veräußerte. Nachdem Hetzlos über 10 Jahre verlassen und die Gebäude des Dorfes zu Ruinen geworden waren, fanden einige, durch die Kriegswirren vertriebene ehemalige Bewohner der Gemeinde in deren wüsten Heimatort zurück und siedelten sich wieder an.

Die ersten Familienväter, die nach den Wirren des unheilvollen Krieges manches Haus und Scheune wiederaufbauten und in die zerstörte Ortschaft Leben brachten, waren: Peter Schipper, Hans Funken, Enders Brüsten und Hans Zeitzen.

1658 waren auf der Hetzloser Markung von 295 Morgen Äcker daselbst nur etwa 40 Morgen bebaut, die übrigen waren mit Hecken und Holz überwachsen. Noch um 1700 lagen 136 Morgen Erthalscher Felder bei Hetzlos öde, im Dorf gab es Anno 1705 noch 16 wüste Hofstätten.

Im Sommer des Jahres 1669 hatte der hochfürstliche Würzburger Oberamtmann Julius Gottfried von und zu Erthal den Fürstabt Joachim von Graveneck in Fulda ersucht, ihm einige Leute nach Hetzlos zu schicken, die die Grenzen der Gemarkung des Dorfes sowie des Erthalschen Hofgutes daselbst neu festlegen sollten. Er schrieb, „sein Hetzloser Gut sei seit jenen Kriegstagen von 1631 bis dato öd und wüstgelegen, die Gemarkung vollends sei mit Gehölz, Hecken und Gebüsch derart verwachsen, daß man sich darin kaum mehr zurechtinden könnte. Im Auftrag des Fürstabts nahm dann am 12. November 1669 der Oberschultheiß Konrad Adolph von Rodenhausen einen Grenzgang vor. Um nicht in die Rechte der Nachbargemeinden überzugreifen, wurden zu diesem Gange die Feldgeschworenen der umliegenden Dörfer eingeladen. Ferner holte man alle alten Männer, die noch von dem Verlauf der Flurgrenzen wußten, herbei. Auch Peter Hemb und Adam Roseberger, zwei ehemalige Hetzloser, begleiteten die Grenzgänger. So wurden an diesem Tag die Markungsgrenze der kleinen Gemeinde neu abgesteckt und die Felder des Hofgutes neu versteint.

Auch die Gebäude des Hofgutes und die Büchelburg lagen in Schutt und Asche. Vor dem Schwedeneinfall hatte das Geschlecht „von Erthal“ auf derenHaus und Hofgut in Hetzlos die Hutweid und Trieb mit ihrer aus ca.600 Schafen bestehenden Schäferei.

Auch die gemeindeeigene Schäferei in Hetzlos, die Bürger besaßen dort zwei Hirtenhäuser, war völlig eingegangen. Erst 1628 war die Schäferei vergrössert und in einen einigermaßen nutzbringenden Zustand gebracht worden.

1697 verlangten die Hetzloser, daß für die Äcker am Büchelberg die Steuern nach Hetzlos zu entrichten seien. Die Untererthaler wehrten sich dagegen und entrichteten ihren Zehnt weiterhin in ihre „eigene“ Zehntscheune. Kurz entschlossen pfändeten nun die Hetzloser vom Felde des Maurers Kunz Stichel 40 Garben Hafer. Jedoch auf Befehl des Fürstabtes mußte der Hafer zurückgegeben werden, und die Gemeinde mußte sich zufriedengeben.

Aber des „Hütens“ wegen sollte es noch zu schweren Kämpfen zwischen beiden Dorfschaften kommen. Ein solcher Streit ereignete sich im Jahre 1714. Die Untererthaler waren erbost, daß die Hetzloser trotz wiederholten Einspruchs in den Waldungen am Büchelberg hüteten. Am 25. Juni des genannten Jahres pfändeten nun die Untererthaler den Hetzlosem die gesamte Schweineherde von 56 Stück. Bei den Hetzloser Bürgern erweckte diese Tat große Entrüstung, und trotz der Einschaltung der Herren „von Erthal“ konnte die Rückgabe der Tiere nicht erreicht werden. Vielmehr verkauften schließlich die Untererthaler die Schweine kurzerhand, vertranken den Erlös und machten sich über deren Landesherren lustig. Endlich, am 24. Oktober 1717, wurde der „Schweinefall“ vom Gericht in Fulda beendet und die Untererthaler mußten die Schweine an Hetzlos bezahlen.

Anno 1738 verweigerten die „Erthalschen“ Untertanen des Dorfes Hetzlos bei der Erbhuldigung für den neuen Fürstabt „Amand von Buseck“ die Zenthuldigung und leisteten nur Handgelöbnis. Die Familie „von Erthal“ verfügte damals in Hetzlos über 18 Untertanen und 21 Häuser. Der Ort zählte zu jener Zeit 44 Einwohner.

1775 wurden die Hetzloser Schule, der 1721 erstmals Erwähnung geschieht, und die Kirche neu gebaut. Die Steine dazu nahm man von der Büchelburg, die seit ihrer Zerstörung durch den Dreißigjährigen Krieg immer mehr zerfallen war und nun eingerissen wurde.

Am 19. September 1803 wurde Hetzlos von Franz Lothar dem Geheimrat Hartmann Philipp, Freiherr von Mauchenheim, gen. Bechtolsheim, zum fuldischen Lehen übergeben, und nach dem Aussterben der Freiherren „von Erthal“ am 4. Dezember 1805 kam das kleine Dorf an den fuld. Lehenshof, der es dem Amt Hammelburg unterstellte.

Das Jahr 1806 brachte schließlich für Hetzlos eine durchgreifende Veränderung der Markung. Im genannten Jahr bestimmte nämlich die Regierung, daß alle geschlossen aneinanderliegenden Grundstücke der Hetzloser Bürger, die in den Nachbarluren liegen, der Hetzloser Markung anzugleichen seien. Das Ackerland am Büchelberg gehörte somit zum Dorfe.

Ebenfalls 1806 kam Hetzlos zunächst zur „Provence de Fulde“, 1810 zählte es zum Bestand des Großherzogtums Frankfurt, und von da wurde es mit dem Amt Hammelburg dem „Land“ Bayern unterstellt.

Unserem Freistaat Bayern gehört das Dörlein Hetzlos mit seinen 239 Einwohnern noch heute an ; aber durch die Gemeindereform hat die Ortschaft nach über 5Oo-jähriger Geschichte ihre Selbständigkeit verloren und ist zu einem Teil des Marktes Oberthulba geworden.

Von Manfred Dotter, Euerdorf